Marseille und der Hip-Hop

Ende der 80er Jahre entstand in Marseille eine neue Musikrichtung, die in den 70er Jahren in der Bronx entstanden war: der Rap.
Zunächst einmal muss man zwischen Rap, der ein Musikstil ist, und Hip-Hop unterscheiden. Der Hip-Hop ist eher eine Lebensweise, eine Kultur und eine Denkweise. Rap ist ein integraler Bestandteil der Hip-Hop-Kultur, genauso wie Graffiti oder Breakdance.

Pioniere des Genres in Frankreich

Die Hip-Hop-Kultur, die1984 vor allem durchSidneys H.I.P. H.O.P. nach Frankreich kam. Dann eroberten Graffiti nach und nach die städtischen Räume und entwickelten sich in wenigen Jahren von „urbanem Vandalismus“ zu Kunstwerken für einige. In Marseille war der Cours Julien eines der ersten Viertel, das mit Tags und Graffitis bedeckt wurde und in dem später Rap-Konzerte imEspace Julien stattfanden, der 1984 eröffnet wurde.
Ende der 80er Jahretauchte der Rap in der Folge der Funk-Musik zunächst im Stadtzentrum auf, natürlich rund um den Cours Julien. Aber auch im Bereich des Bahnhofs Saint-Charles, der Oper und des Panier-Viertels. Die Gruppe I AM (und ihr emblematischer Anführer Akhenaton) sind die Speerspitze der Bewegung, die sich von den US-amerikanischen Klängen von Gruppen wie Public Enemy oder Afrika Bambaataa inspirieren lässt.
Auch das Alte Ägypten ist eine Inspirationsquelle für die Gruppe, die Pseudonyme wie Akhenaton, Imhotep, Kheops oder Khephren annimmt.
Ein weiterer Rapper made in Centre-ville ist Bouga, der den berühmten „Belsunce Breakdown“ aus dem Soundtrack des Films „Comme un aimant“ signiert.
Erst später erreichte der Rap die nördlichen Viertel der Stadt, die heute eine Talentschmiede sind. I AM war ein Pionier und fand Nachahmer, denn in der Folgezeit entstanden Gruppen wie Psy4 de la rime, le 3e œil oder die Fonky Family (FF). Mit dem Erfolg, den man von ihnen kennt.

Rap made in Mars VS Pariser Rap

Die Rivalität zwischen Marseille und Paris geht auf die Zeit Ludwigs XIV. zurück und ist nicht neu. Anfang der 90er Jahre erhielt sie jedoch durch den Fußball und die Begegnungen zwischen OM und PSG eine neue Dimension.
Parallel dazu stehen sich auf musikalischer Ebene die Pariser Texte von NTM mit ihrem rauen und rohen Diskurs und der Marseiller Rap von I AM mit seinem engagierten, lokalen und feierlichen Diskurs gegenüber.
Die Jahre 1997, 1998 und 1999 stellen das goldene Zeitalter des Marseiller Rap dar, mit Produktionen wie L’Ecole du Micro d’Argent (bis heute 1,6 Millionen verkaufte Exemplare, Platin-Schallplatte) Sad Hill oder Chroniques de Mars, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Auch im Kino wurden sie für die Soundtracks von „Taxi“, „Comme un aimant“ von Kamel Saleh und Akhenaton oder „La Haine“ von Mathieu Kassovitz engagiert.

Wussten Sie schon?

Jedes Jahr im Sommer gibt es in Marseille ein Festival, das ganz der Hip-Hop-Kultur gewidmet ist. Es heißt „Festival hip-hop non stop“. Es findet an verschiedenen Orten in der Stadt statt.

Eine Szene, die sich ständig weiterentwickelt

Aufgrund seines Erfolgs hat I AM vor allem zahlreiche lokale Gruppen wie Psy4de la rime(Alonzo, Soprano…) produziert, um die Hip-Hop-Identität der Stadt zu fördern und zu teilen. Seit 2010 tragen neue Künstler, die stark mit der Zeit verbunden sind, ihrerseits zum Renommee des Marseiller Rap bei:
Soprano, einer der Frontmänner der Gruppe Psy4 de le rime, der für seinen einzigartigen Stil, der Einflüsse aus Hip-Hop, Pop und urbaner Musik vereint, und für seine Texte, die Themen wie Resilienz, Hoffnung und Vielfalt behandeln, bekannt ist. Jul, das Kind des Viertels St Jean-du-Désert, ist mit 3,5 Millionen verkauften Alben (vor MC Solaar) vielleicht der größte Albumverkäufer in der Geschichte des französischen Raps. Und zahlreiche Gold-, Diamant- und Platinplatten. Sein Label hat er übrigens „D’or et de platine“ (Gold und Platin) genannt! Nur das eine…
Alonzo, Cousin und Weggefährte von Soprano zu Zeiten der Psy4, verfolgt seit 2009 eine Solokarriere mit einer Goldenen Schallplatte im Jahr 2016. Und so viele andere Künstler, SCH, Soso Maness usw. …

Zuletzt hat sich auf Initiative von Jul die junge Generation (Jul, SCH, Kofs, Naps, Soso Maness) für das Stück „Bande organisée“ zusammengefunden, das zu Beginn des Jahres 2020 einen beachtlichen Erfolg verzeichnen konnte! Diese haben bei ihren Konzerten größtenteils das Stade vélodrome gefüllt.
Mit dieser neuen Szene ist wieder von einem Rap die Rede, der mehr denn je aus Marseille stammt, mit einem Slang und lokalen Ausdrücken (verbal und gestisch), von denen ganz Frankreich geprägt sein wird. Bis hin zu den Torjubeln einiger Fußballer wie Dimitri Payet.

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